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spotlight

Wolfgang Kaleck im Gespräch mit dem Künstler Ahmed Isamaldin

Das Rhizom wächst als dezentrales Netzwerk

Ahmed Isamaldin (A.I.) ist ein Medienkünstler, Grafikdesigner und Forscher aus Khartum, der in Berlin lebt und arbeitet. Seine Arbeit bewegt sich zwischen visueller Kommunikation, künstlerischer Forschung, Kartografie und 3D-Bildgestaltung und setzt sich mit Fragen dem gewaltvollen System des Rohstoffabbaus auseinander.

Seine künstlerischen Forschungsarbeiten zu Sudan rahmen den Jahresbericht 2025 des ECCHR: Satellitenbilder von Goldminen, 3D-Modelle – wie Ressourcenausbeutung, Kriegsökonomie und Räume des Widerstands sichtbar werden, wenn man genau hinschaut.

Im Gespräch mit ECCHR-Generalsekretär Wolfgang Kaleck (W.K.) spricht er über seine künstlerische Praxis und die Geschichte von Protestbewegungen und bewaffnetem Konflikt im Sudan.

WAS VON EINEM TRANSPORTSYSTEM ÜBRIG BLEIBT, OFFENBART, WIE INFRASTRUKTUREN DER FÜRSORGE DURCH DIE VERFLOCHTENEN GEWALTEN VON ÜBERWACHUNG, EXTRAKTIVISMUS UND KRIEGSFÜHRUNG VERDRÄNGT WERDEN.

● W.K.

Was war für deinen politischen und künstlerischen Werdegang prägend?

● A.I.

Ich war in der demokratischen Studierendenbewegung im Sudan aktiv, bis ich, vor allem aufgrund der Repressionen, 2011 nach Ägypten gezogen bin. Im Zuge des arabischen Frühlings entstand dort ein kollektives Gefühl von Freiheit. Als arabischsprechende Person erschien es geboten, sich aus internationaler Solidarität auf dem Tahrir-Platz in Kairo einzufinden. Diese Hoffnung wurde zur Niederlage, als sich das Regime 2015 militarisierte und begann, Menschenrechtsorganisationen und Kultureinrichtungen zu unterdrücken. Da bin ich nach Berlin gezogen und habe ein Studium an der Kunsthochschule Weißensee angefangen. Während ich die sudanesische Bewegung besiegt glaubte, hat sie sich von Grund auf erneuert und ist 2018 zu neuem Leben erwacht. Um sie von Berlin aus zu unterstützen, gründeten wir unter dem Namen „Sudan Uprising Germany“ ein Diaspora-Kollektiv, das in Ausstellungen und Veranstaltungen die Entwicklungen im Sudan reflektierte.

● W.K.

Wie haben deine politischen Erfahrungen deine künstlerische Praxis beeinflusst?

● A.I.

Für mich bedeutet künstlerische Arbeit mehr als Ästhetik: sie sollte die Realität begreifen und herrschende Normen in Frage stellen. Obwohl ich versuche, eine universelle Perspektive einzunehmen, bildet der Sudan den zentralen konzeptuellen Bezugsrahmen meiner Arbeit. Mit Beginn des dortigen Krieges 2023 habe ich angefangen, dessen materiellen und wirtschaftlichen Grundlagen zu untersuchen: Was wird abgebaut, gehandelt und benutzt, um diesen Krieg in Gang zu halten? Als nach der Abspaltung des Südsudan, die Ölquellen wegfielen und Gold zum wichtigen Wirtschaftsfaktor wurde, habe ich mich darauf konzentriert.

Wir studierten Satellitenaufnahmen von Goldminen und begannen bestimmte Muster zu erkennen: Von oben sahen sie wie Wunden aus – Spuren einer Gewalt, die der Erde selbst zugefügt worden war. Wir haben dann ein kleines Computerprogramm entwickelt, das Kartenkacheln des Sudan auf in 2023 und 2024 neu entstandene Minen absucht. Parallel dazu haben wir uns angesehen, welche Effekte die Goldgewinnung auf die ansässigen indigenen Gemeinden hat: Vertreibung, Anstieg von Gewalt und Umweltzerstörung.

IM INNEREN EINES TRANSPORTMITTELS BESTEHEN INFRASTRUKTUREN DER MOBILITÄT NEBEN EXTRAKTIVISTISCHEN BEDINGUNGEN FORT, WO FUNKTION, VERFALL UND MATERIELLE BESTÄNDIGKEIT INEINANDER FALLEN.

● W.K.

Welche Funktion hat die Goldgewinnung für die Kriegswirtschaft insgesamt?

● A.I.

Geschürft wird entweder von den jeweiligen Gemeinden, die unter Druck stehen, oder von größeren Unternehmen mit Beziehungen zur Regierung. Diese übergeben es größeren Akteuren – meist einer der Kriegsparteien, also der sudanesischen Armee oder den Rapid Support Forces (RSF). Weil beide mit Sanktionen belegt sind, müssen sie das Gold außer Landes schmuggeln: die Armee über Ägypten und die RSF nach Togo und in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Ein Teil davon landet bei internationalen Unternehmen. Im 2024 veröffentlichten VW-Geschäftsbericht ist beispielsweise von Gold aus dem Sudan die Rede. Damit konfrontiert, erklärten sie, es über Mittelsmänner erworben zu haben – in den VAE, einem Staat, dem die direkte militärische Unterstützung der RSF vorgeworfen wird.

● W.K.

Du beschreibst die Goldminen als Wunden und als Metapher der gegen Mensch und Natur ausgeübten Gewalt. Aber deine Bilder vermitteln auch Widerstandsgeist – wie stellt der sich dar?

● A.I.

Für die in diesem Jahresbericht abgebildeten Kunstwerke waren die Satellitenaufnahmen der Minen das Ausgangsmaterial. Daraus habe ich Texturen für dreidimensionale Formen entwickelt, sodass aus den Wunden des Extraktivismus eine neue Haut skulpturaler Körper entstand. Aber ich wollte mich nicht auf die mit dem Extraktivismus verbundene Gewalt beschränken, sondern auch die aktive Kraft des Widerstands darstellen. Dafür steht in meiner Arbeit der Pilz, insbesondere seine Rhizom-Struktur. Das Rhizom wächst als dezentrales unterirdisches Netzwerk. Es verbreitert sich horizontal, und auch wenn es an einer Stelle beschnitten wird, lebt und wächst es an anderer Stelle weiter.

Mit dieser Rhizom-Struktur habe ich die 3D-Skulpturen kombiniert, so wird das Abbild der Gewalt gleichzeitig Teil einer Widerstandsstruktur, die aus der Zerstörung erwächst. Das habe ich mir von der Struktur der demokratischen Widerstandsbewegung im Sudan abgeschaut: die dortigen lokalen Widerstandskommitees verhalten sich wie Rhizome.

● W.K.

Welche konkreten Formen könnte der Widerstand gegen die Goldgewinnung annehmen – und was wäre dabei eine mögliche Rolle für Jurist*innen?

● A.I.

Gerade sind wir noch dabei, die Strukturen sichtbar zu machen und uns mit Gemeinden an unterschiedlichen Orten zu vernetzen, um mehr Wissen darüber zusammenzutragen, wie die Goldgewinnung tatsächlich vonstatten geht. Damit sollten juristische Organisationen diejenigen konfrontieren, die wirtschaftlich von diesem Gold profitieren. Der Goldexport bringt Geld ein und mit diesem Geld werden Waffen importiert. Deshalb ist es nötig, Sanktionen auszuweiten, den Leuten auf die Spur zu kommen, die diesen Handel ermöglichen und aufrechterhalten, und sie zur Rechenschaft zu ziehen – und zwar sowohl in den Nachbarländern als auch international.

Künstler

Ahmed Isamaldin

Founder ECCHR

Wolfgang Kaleck

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